Schiffswracks: Auf Spurensuche vor Rügen und Hiddensee

Wracks üben seit jeher eine große Faszination auf Tauchsportler aus. Zwar ist das Tauchen in wärmeren Meeren reizvoller: Die Sichtweiten sind besser, der Bewuchs abwechslungsreicher. Doch gerade die Wracks der Ostsee, eingekeilt zwischen Felsen oder eingegraben im sandigen Umfeld, sind zumeist für Tauchschulen – sofern es die Witterungsverhältnisse zulassen – nicht nur gut erreichbar. Vielmehr werden solche Ausfahrten zu ganz besonderen Highlights, bieten sie doch, selbst wenn nur noch Spanten aus dem Sandboden herausragen, für UW-Fotografen eine besonders reizvolle Kulisse. Der Bewuchs, überwiegend Wasserpflanzen, Weichkorallen und Seefedern, kontrastiert besonders schön mit dem grünen Wasser. Das Ganze wirkt malerisch und geheimnisvoll, und richtig ideal wird es bei klaren Sichtverhältnissen. Allgemeine Übersichtsaufnahmen werden dann möglich und die Tauchkameraden erscheinen nicht nur schemenhaft auf den Fotos…
Die UW-Archäologie ist noch eine recht junge Wissenschaft. Noch keine 100 Jahre alt, gewann sie erst mit der Weiterentwicklung des Tauchsports Mitte des letzten Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung. Zwar wurden auch schon vorher antike Schätze geborgen, aber da waren Archäologen noch gänzlich auf die Dienste von aufrecht gehenden Helmtauchern angewiesen. Bis dahin hatten wir es also mit einer reinen Fundbergung zu tun. Erst als Schwimmtaucher konnten sich jetzt endlich auch Archäologen direkt unter Wasser begeben, und so geht es heutzutage nicht nur um die Bergung einzelner Fundstücke, sondern es können weitaus mehr interessante Fakten auch zum Untergang selbst gesammelt werden. So wird bei besonders interessant erscheinenden Wracks der Sand über dem verschütteten Kiel wegsaugt. Durch den guten Erhaltungszustand werden Details der früheren Schiffsbaukunst sichtbar, von denen wir keine überlieferten Zeichnungen haben, und es lassen sich zusätzliche Funde sicherstellen. Besonders wertvolle Stücke werden sogar konserviert. Es ist klar, dass UW-Archäologen es nicht so gerne sehen, wenn auch „normale“ Sporttaucher zu solchen Fundstellen gelangen können, die möglicherweise sogar besondere, bislang aber weniger beachtete Fundstücke als Souvenir entwenden… Nur die Witterungsumstände allein können hier nämlich schon dazu führen, dass solche Untersuchungen mitunter mehrere Jahre andauern. Deshalb werden solche Untergangsstellen zumeist gar nicht erst bekannt gegeben.
Sehr schön, dass sich das Buch nur mit den Wracks aus der Umgebung von Rügen und Hiddensee auseinandersetzt. Es sind keinerlei Kriegsschiffe dabei, sondern nur solche, die normale Handelsgüter transportierten. Die meisten sind Segler, sehr viel kleiner als heutige Schiffe und zumeist hölzerner Bauart. Der Autor ist einer der bekanntesten UW-Archäologen dieses Gebietes. Er gibt eine allgemeine Übersicht über das Wesen seiner Arbeit, stellt besondere, archäologisch ausgerichtete Vereine vor, auch staatliche Stellen und besondere Suchschiffe, ebenso wie dendrologische Untersuchungen, um anhand der Jahresringe die Wachstumszeit der Bäume und damit das Schiffsalter und u.U. sogar die Identität des entsprechenden Wracks festzustellen. Ebenso werden mühsame Arbeiten in Archiven, alten Zeitungen usw. vorgestellt, wie auch besondere Vergleiche in entsprechenden Museen – alles Arbeiten, die ebenfalls zum Alltag eines UW-Archäologen gehören. Ebenso erhalten wir einen allgemeinen Einblick in die Tauchgeschichte, wenngleich dieser Teil nur kurz gestreift wird. Der hintere Buchteil, der sich ausführlicher mit einzelnen Wracks auseinandersetzt, wirkt besonders reizvoll. Hinweise zu den entsprechenden Untergangsstellen erfolgen aus unterschiedlichen Richtungen, z.B. dann, wenn moderne Wracks eine besondere Gefahr in Schifffahrtsstraßen darstellen, sie können aber auch von Fischern kommen, deren Netze sich verfangen haben oder sie entstammen der Beobachtungen aus Flugzeugen und Hubschraubern, und nicht zuletzt kommen sie auch von Arbeitsstellen, wenn z.B. Rohrleitungen unter Wasser verlegt werden. Die Suche nach solchen Fundstellens kann sich bereits sehr aufwändig gestalten. Insgesamt ein sehr schönes Buch, reich bebildert mit vielen zeitgenössischen Aufnahmen. Sehr empfehlenswert!

Wolfgang Freihen, im November 2016

Förster, Thomas:
Schiffswracks
Auf Spurensuche vor Rügen und Hiddensee
Harter Einband mit chamoisfarbigem Titelbild, Format ca. 24,5 x 21,5 cm quer
144 S. mit vielen Fotos, Zeichnungen, einer Karte und zahlreichen Steckbriefen untergegangener Schiffe
Hinstorff Verl., Rostock, 2016
ISBN 978-3-356-02061-8
Preis: 19,99 €