Seeungeheuer und Monsterfische: Sagenhafte Kreaturen auf alten Karten

Die ersten in Europa gezeichneten Karten sind keine Landkarten im üblichen Sinne. Sie zeigen die Erde als Scheibe, eingeteilt in verschiedene Sektoren mit entsprechenden Beschriftungen und umgeben vom unendlichen „Okeanos“. Die gleiche Darstellungsweise findet sich denn auch dort wieder, wo unsere christliche Denkweise widergespiegelt wird, mit Jerusalem im Zentrum. Selbst das Paradies mit Adam und Eva und der teuflischen Schlange werden darin gezeigt, die die beiden zur Erbsünde verführte…

In den Tiefen des Okeanos sind dann alle möglichen Seeungeheuer dargestellt: Natürlich die „teuflischen“ Schlangen, aber auch Monsterfische und riesige Wale mit furchteinflößenden Zähnen. Es gibt Seeschweine und Seedrachen, Monster mit einem Elefantenrüssel und Kraken, die Schiffe angreifen oder sich die Seeleute einzeln von Bord herunterholen, ebenso riesige Krebse, die Menschen zwischen ihren Scheren zerschneiden usw. – also das reinste Gruselkabinett. Man kann aber auch Sirenen mit einem oder zwei Fischschwänzen begegnen, solchen, die mit ihren lieblichen Gesängen Seeleute ins Meer hinunterlocken, und ebenso kann man auch Instrumente spielenden Meermännern und anderen Fabelgestalten begegnen.

Nun, Erklärungen dafür, warum frühe Kartographen ein solches Bestiarium gezeichnet haben, gibt es verschiedene: Zum einen war man ursprünglich tatsächlich vom Vorhandensein solcher Gruselgestalten mit Widder-, Löwen- und Vogelköpfen überzeugt. Man folgte dabei einer Theorie des Plinius, die besagte, dass alle irdischen Geschöpfe ihre Entsprechung in den Tiefen der Meere wiederfinden, nur eben halt noch unentdeckt, und man denke auch an andere antike Geschichten, wie etwa die von Skylla und Charybdis… Auch wenn später Zweifel daran aufkamen, die Monstergeschöpfe machten sich nun mal gut in entfernten Ozeanen, sie lockerten die Darstellungen auf, konnten auf die Gefahren der Seefahrt hinweisen und je nachdem, wieviel Geld potente Auftraggeber, z.B. Fürstenhäuser für solche Kartenwerke ausgeben wollten, zeichnete man ganz einfach mehr oder weniger davon, eventuell aber auch gar keine hinein. Jedenfalls finden sich solche Fabelgestalten selbst noch auf einigen der ersten wirklichen Seekarten wieder, den sogenannten Portolankarten mit ihrem charakteristischen Liniennetz, die zeitgleich in etwa mit dem Aufkommen von Kompassen in Europa entstanden sind.

Mit wissenschaftlicher Akkuratesse hat der Autor alle Fakten (Hintergründe, Ursprünge usw.) zu diesen meist sehr gefährlich ausschauenden Figuren zusammengetragen. Dazu hat er zahlreiche Museen und Bibliotheken „durchkämmt“ und viele alten Schriften gelesen, woraus schließlich dieser reich illustrierte Band entstanden ist, zu dessen Text 299 Fußnoten gehören, denen der interessierte Leser noch weitere Zusammenhänge und Details entnehmen kann. Ein äußerst empfehlenswertes Buch für alle Freunde der Kartografie und diejenigen, die tiefergreifende marine Interessen haben.

Wolfgang Freihen

Van Duzer, Chet:
Seeungeheuer und Monsterfische
Sagenhafte Kreaturen auf alten Karten
Harter Einband mit farbigem Schutzumschlag, Format ca. 22,5 x 29,5 cm
144 Seiten mit vielen farbigen Abbildungen
Verlag Philipp von Zabern, Imprint der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt, 2015
ISBN 978-3-8053-4859-1
Preis: 39,95 €