Aquaria: in Kunst, Literatur & Wissenschaft

Ein ganz besonders interessantes Aquarienbuch, das mich ungeheuer gefesselt hat! Es ist nämlich völlig anders aufgebaut als die meisten anderen Bücher zu diesem Thema, die sich meist mehr oder weniger wiederholen. Hier jedoch geht es um etwas völlig anderes: Geschildert wird die Anfangsgeschichte der Aquaristik um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Dadurch war es zum ersten Male möglich, horizontal in die UW-Welt zu schauen. Man sah flutende UW-Pflanzen, Fische und andere Geschöpfe aus einer gänzlich anderen Perspektive als es zuvor möglich war.

Tausende Besucher aus allen Bevölkerungsschichten strömten damals in die neu entstehenden Schauaquarien. Für uns, denen heutzutage Aquarien und selbst der Blick durch eine Tauchermaske selbstverständlich erscheint, ist diese Faszination kaum nachvollziehbar, doch das Gezeigte erschien damals derart großartig, dass dies schon bald darauf enorme Auswirkungen auf alle möglichen Wissens- und Wirtschaftsgebiete nach sich zog! Das galt schon für das ganz normale Leben: So gab es Aquarien in allen möglichen Formen und Größen fürs eigene Heim zu kaufen, ein völlig neuer Wirtschaftszweig entstand. Vor allem aber profitierte die Wissenschaft selbst: Man konnte erstmals das Verhalten von Fischen und anderen Wassertieren direkt beobachten. Das allgemeine Interesse an den Süß- und Salzwasserwelten wuchs enorm an, Limnologie und Meeresbiologie erhielten neue Impulse, die Ozeanografie ebenfalls. Erste Tiefsee-Expeditionen stachen in See. Dabei gesammelte Organismen bereicherten nicht nur unser Wissen, sondern veränderten es auch grundlegend! So zeigte sich z.B. die Tiefsee nicht etwa leblos, wie vorher angenommen, sondern das Leben reichte bis hinab in die tiefsten Tiefen! Selbst die bildende Kunst, die Malerei und die Architektur erhielten neue Denkanstöße, und auch die Möbelschreinerei und andere Berufe wurden durch den Aufschwung der Aquaristik nachhaltig beeinflusst. Das Eingangstor zur Weltausstellung in Paris wurde z.B. den Radiolarien-Zeichnungen Erich Haeckels nachempfunden, und auch die Literatur wurde bereichert: Denken wir nur an die „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne und an vieles andere mehr. Ungeahnte Entwicklungsschübe wurden durch die Erfindung der Aquaristik ausgelöst. Die Autorin Ursula Harter, die u.a. Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft studiert hat, erkannte das richtig und beschreibt sehr lebendig die Auswirkungen auf die verschiedensten Berufe und Sachgebiete. Zusammenhänge werden deutlich, die man vorher nicht so wahrnahm. Schade nur, dass fremdsprachliche Zitate zumeist nicht ins Deutsche übersetzt wurden – schließlich kennt kein Autor seine Leser und schon gar nicht deren Fremdsprachenbildung. Außerdem nicht gelungen erscheint mir das Vorwort von Monika Wagner: Ihr hochgestochener und mit Fremdworten gespickter Text wirkt alles andere als einladend! Wer ihn sich bereits im Buchladen vornimmt, könnte gar geneigt sein, das Buch gleich wieder zur Seite zu legen. Das wäre jedoch äußerst schade, denn die Autorin selbst bedient sich eines weit besseren und gut verständlichen Schreibstils und legt damit ein bemerkenswertes Buch vor, das nicht nur für Aquarianer, sondern für alle Freunde der UW-Welt äußerst empfehlenswert ist!

Wolfgang Freihen

Harter, Ursula:
Aquaria in Kunst, Literatur & Wissenschaft
Harter Einband mit farbiger Titelgestaltung, Format ca. 23 x 28,5 cm
256 S. mit sehr vielen Abb.
Kehrer Verlag, Heidelberg, Berlin, 2014
ISBN 978-3-86828