Kunstformen der Natur – Kunstformen aus dem Meer

Ein Bildband völlig anders als alle anderen: Es sind nämlich keine UW- oder Aquarienfotos, die hier gezeigt werden, sondern durchweg Zeichnungen unseres bedeutendsten Biologen des 19. und anfänglichen 20. Jahrhunderts: Ernst Haeckel, der bei uns Darwins Evolutionstheorie zum Durchbruch verhalf und Bilder des Lebens, vor allem aus der Unterwasserwelt schuf, die man sich schöner kaum vorstellen kann! Alle diese Zeichnungen entstammen zwei Werken des großen Meisters: Seiner Monographie der Radiolarien von 1862 und den Kunstformen der Natur von 1904.


Ursprünglich war Haeckel lange Zeit der Auffassung, Landschaftsmaler werden zu wollen, doch schließlich nahm ihn die Schönheit der Organismen derart gefangen, dass er glücklicherweise doch den Weg zur Wissenschaft fand. Gerade sein Wissen um all diese Kreaturen und zum anderen seine besondere künstlerische Begabung führten hier zu einem außerordentlich schönen Bildband, der zum Besten gehört, was der Buchsektor zu bieten hat! Auf 135 großformatigen Lithographien werden hier Bilder gezeigt, die ästhetisch ansprechend und gleichzeitig morphologisch einwandfrei in Ordnung  sind, die sich am Geschmack des Jugendstils anlehnen. Es werden jedoch nicht nur einfach einzelne Geschöpfe abgebildet, sondern sie werden so dargestellt, wie es zauberhafter und anmutiger kaum möglich ist: So finden sich z.B. Entwicklungszyklen und weitere Details von Medusen in einer Zeichnung vereint, und vielfach werden auch Querschnittsbilder und andere zumeist verborgene Einzelheiten so auf den Tafelseiten herausgeholt, dass sich z.B. verschiedene Schuppenformen um zentral angeordnete Fische wie eine schön geschwungene Girlande aneinanderreihen. Vertieft man sich in diese Art der der Darstellung, so wird weit mehr offenbart, als es Fotos je vermögen. Auch einige Pflanzen, Orchideen etwa und verschiedene Tiere des Festlandes finden sich unter den Tafelseiten, und ganz besonders reizvoll wirkt die Vielzahl der verschiedensten Kleinstlebewesen, von denen insbesondere die Radiolarien zu nennen sind, Strahlentierchen, die  man weder mit bloßem Auge, noch unter dem Mikroskop wegen des geringen Schärfentiefenbereichs so sehen kann wie hier dargestellt. Gezeigt werden die vom Körperschleim befreiten Einzeller, ihre ganzkörperlichen,  filigranen Kieselskelette mit all ihren Dornfortsätzen, die als Schwebehilfen im freien Wasser dienen. Haeckels Texte werden allerdings nicht gebracht. Wer auch die nachlesen möchte, muss schon zu den Originalen greifen. Der Schwerpunkt dieses Buches liegt vielmehr auf den Zeichnungen allein, die großformatig und in den ursprünglichen Farben gebracht werden. Dazu haben Olaf  Breidbach und Irenäus Eibl-Eibesfeldt sehr lesenswerte und interessante Beiträge geschrieben, die sich ausschließlich mit der Kunstgeschichte und der Gestaltung dieser Bilder auseinandersetzen, aber auch damit, wie wir zu sehen gewohnt sind. Außerdem finden wir eine stichwortartige Aufstellung  der Lebensstationen Ernst Haeckels.

Bereits bei Ihrem ersten Erscheinen haben diese Bilder tiefe Eindrücke vermittelt, offenbarten sie doch bisher nicht gesehene Details, und die in solcher Schönheit, wie man sie zuvor nicht kannte. So wurden letztlich Architekten, Möbelbauer und Stuckateure, auch Schriftsteller,  Handwerker und Künstler zutiefst durch diese Abbildungen beeinflusst. Zum Beispiel wurde das Eingangstor zur Pariser Weltausstellung 1900 einer Radiolarienzeichnung Haeckels nachempfunden. Zauberhafte Quallenstrukturen finden sich im Deckenstuck von Haeckels ehemaligem Haus, wie auch Möbel und Lampen, in denen derartige Ornamente wiederkehren. Auch der Schriftsteller Wilhelm Bölsche lehnte sich bei seinen Naturschilderungen der Evolutionsgeschichte im Haeckelschen Sinne an, d.h. derart, dass auch wir Menschen darin eingebunden sind, und selbst der Künstler Friedensreich Hundertwasser sinniert noch 1983 über die künstlerisch-ornamentale Kunst dieser einzigartigen Darstellungen. Insgesamt ein großartiges Werk, das man jedem nicht nur empfehlen kann, sondern ganz einfach muss, sofern man sich sich für Kunst, alles Lebendige und vor allem für die UW-Welt interessiert! Besonders herauszuheben auch noch der niedrig erscheinende Preis für diesen großartigen Bildband! 

Wolfgang Freihen

Ernst Haeckel:
Kunstformen der Natur
Kunstformen aus dem Meer
Mit Beiträgen von Olaf Breidbach und Irenäus Eibl-Eibesfeldt
Harter Einband mit schwarzweißer Bebilderung, Format ca.25×31,5 cm
336 Seiten mit mehr als 135 z.T. farbigen Tafelseiten und weiteren Abbildungen im Text
Prestel Verlag, München, 2012
ISBN 978-3-7913-4660-1
Preis: 24,95 Euro