Eine Bewegung kann man nicht zerstören: Im Gespräch mit Captain Paul Watson

Nicht nur dicke Folianten, auch dünnere Bücher können gehaltvoll sein und einen wach rütteln! So wie hier, einem Interview mit dem wohl bedeutendsten Meeresschützer unserer Zeit, Captain Paul Watson, der sagt: „Man kann ein Individuum zugrunde richten und eine Organisation zerschlagen, aber eine Bewegung kann man nicht zerstören.“ Diese Aussage wurde zum ungewöhnlichen Titel dieses Buches. Als Mitbegründer von Greenpeace rief er 1977 die Meeresschutzorganisation „Sea Shepherd Conservation Society“ ins Leben, der mehrere Landesorganisationen und viele tausend Mitglieder angehören. Mittlerweile gab es über 200 heikle Einsätze, wobei es insbesondere darum ging, den illegalen Fischfang und die Waljagd zu bekämpfen, aber ebenso auch um andere Schutzmaßnahmen. Sein Kampf geht weiter und durch seine kompromisslosen, aggressiven Einsätze wurde Watson zur Symbolfigur vieler Aktivisten. Besonders gut in Erinnerung das riskante Rammen eines illegalen Walfängers oder die längste Verfolgungsjagd der Seefahrtsgeschichte, wodurch gleich sechs Wilderer-Schiffe auf einmal ihren illegalen Fischfang aufgeben mussten… Solche Episoden führten immer wieder zu internationalen Komplikationen, zeigen aber auch das totale Versagen staatlicher Behörden auf, weshalb effektiver Meeresschutz in Zukunft unbedingt länderübergreifend geregelt werden muss. Dabei geht es nicht nur um den Erhalt der Artenvielfalt und das Überleben des äußerst empfindlichen Ozean-Ökosystems, sondern letztlich vor allem um uns selbst, denn: Stirbt das Meer, stirbt auch der Mensch!
Wir befinden uns – wenn auch zumeist unbemerkt – in einer äußerst komplizierten Übergangsphase mit einer ganzen Reihe von Krisen, die parallel zueinander verlaufen und die allesamt ihrer Lösung harren. So kennen wir z.B. alle das CO2-Problem und die weltweite Klimaerwärmung, wie auch zahlreiche andere Probleme, zu denen das Buch Interessantes zu berichten hat und auch Zahlen nennt. Doch es kommt noch ärger: Denn bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden rund 50% aller gegenwärtig existierenden Arten für immer verschwinden. Gleichzeitig wächst die Erdbevölkerung unaufhörlich weiter. So werden wir bald 9 Milliarden Menschen sein. Dabei verbrauchen wir schon jetzt deutlich mehr als auf unserer Erde nachwachsen kann! Was die Meere anbelangt, so sind mittlerweile schon 90% (!) aller Fischbestände aus den Ozeanen verschwunden. Trotz der noch immer zu fangenden Mengen sind bereits 30% der genutzten Fischbestände überfischt, 57% befinden sich an der Grenze. Rund 50% erweisen sich als unerwünschter Beifang und allein 40% aller Meeresfische werden an Haustiere verfüttert. Bis Mitte des Jahrhunderts werden auch die letzten 10% weg sein. Trotzdem werden weiterhin Fabrikschiffe, die Fischerei und der damit verbundene ungeheure technischen Aufwand weltweit mit jährlich 67 Milliarden Dollar subventioniert. Watson empfiehlt, die Fischerei auf deutlich niedrigerem Niveau zu halten und diese Subventionen für wichtigere Dinge einzusetzen. So können sich die Meere aus sich selbst heraus regenerieren. Andersherum bedeuten derartige Massensterben allerdings auch nicht das Ende unseres Planeten, mit Sicherheit aber das der Menschheit!
Ebenfalls gingen seit 1950 rund 40% des Phytoplanktons verloren – eine Situation, an die kaum einer denkt. Dabei produziert dieses pflanzliche Plankton allein 50% unseres Sauerstoffs. Um es zu ernähren, wären u.a. die Exkremente von Walen außerordentlich hilfreich, womit sich der Kreis wieder schließt: In der Vergangenheit wurden immerhin 90% dieser Tiere ausgelöscht, und noch heute gehen einige Nationen, vor allem aber Japaner diesem abwegigen Gewerbe nach! Dabei scheiden alleine Blauwale z.B. drei Tonnen an Exkremente pro Tag aus. Insgesamt haben wir es hier mit einem sehr interessanten Buch zu tun, das eigentlich jeder haben und auch lesen sollte!

Wolfgang Freihen, im November 2016

Sciurba, Michele / Schuster, Sarah:
Eine Bewegung kann man nicht zerstören
Ein Interview „Im Gespräch mit Paul Watson“
Broschiert mit farbigem Titelbild, Format ca. 15,5 x 23,5 cm
124 S. mit vielen farb. Abb.
Edition Faust, Frankfurt/Main, 2016
ISBN 978-3-945400-38-8
Preis: 24.– €